30 Jahre Schweizer Wirtschaftsgeschichte.
30 Jahre BILANZ: Investment
Was wurde aus 100 Franken, die man 1977 investierte? Extrem viel, wenn man auf die richtige Aktie wie Lindt oder Novartis setzte – sehr wenig erhält, wer bei Bargeld blieb.
Von Stefan O. Waldvogel
In ihrer ersten Ausgabe vom November 1977 startete die BILANZ auch die Invest-Kolumne «Longterm». Anleger seien keine Spekulanten, und aus diesem Grund sollten sie über längerfristige Trends Bescheid wissen.
Schon damals gab das Handelsbilanzdefizit der USA viel zu schreiben: Der Leitindex Dow Jones war 1977 von gut 1000 auf 800 Punkte gefallen, und der Wert des US-Dollars hatte sich innerhalb von sechs Jahren beinahe halbiert. Kein Wunder, lautete die BILANZ-Prognose damals: «Wall Street – es geht abwärts. Schweiz – es geht aufwärts.»
Nun, 30 Jahre später, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Was ist «longterm» wirklich passiert, was wurde real aus verschiedenen Investments?
So viel ist klar: Der Dow Jones steht mittlerweile bei gut 13 000 Punkten, und der Wert des Dollars hat sich abermals halbiert. Wer vor genau 30 Jahren den Dow Jones nachgebildet hätte und ihm seither treu geblieben wäre, hätte kräftig vom langfristigen Aufwärtssog profitieren können. Allerdings gab es vor 30 Jahren noch keine Indexfonds, und die Auswahl an Investments war im Vergleich zu heute äusserst mager. An der Zürcher Börse waren gut 100 Schweizer Aktien kotiert. Der Handel am Ring begann auch erst um elf Uhr …
Auf der kurzen Börsenliste der «Neuen Zürcher Zeitung» figurierte im November 1977 die Swissair-Aktie zuoberst: Sie kostete damals etwas mehr als 800 Franken. Das Unternehmen hatte seinen Reingewinn im Vorjahr um über 40 Prozent erhöht. Das Schicksal der Swissair ist mittlerweile (teure) Geschichte. Auch andere Firmen, etwa die Kosmetikmarke Juvena, sind vom Börsenparkett verschwunden.
Sagenhafte 6551 Prozent Rendite machte, wer Lindt & Sprüngli Ende 1977 kaufte und der Aktie seither treu blieb.
Immerhin 35 Schweizer Aktiengesellschaften waren bereits vor 30 Jahren kotiert und sind es nach wie vor. Die allermeisten unter ihnen belohnten ihre Investoren langfristig mit eindrücklichen Kursgewinnen. Im Schnitt der 35 Schweizer Aktien hat sich eine damalige Anlage von 100 Franken mehr als verelffacht (siehe «Schokolade ist süss – und macht reich» auf Seite 105).
Klarer Sieger in diesem Langfrist-Rennen ist der Schokoladekonzern Lindt & Sprüngli: Sagenhafte 6551 Prozent Rendite machte, wer die Papiere Ende 1977 kaufte und ihnen seither treu blieb. Dabei sind die Dividenden, Sonderausschüttungen oder die Naturalgeschenke noch gar nicht eingerechnet – anderseits sind auch die anfallenden Kosten und Steuern nicht berücksichtigt.
Lindt & Sprüngli hat die Investition der Aktionäre zwar am meisten versüsst, doch auch andere Schweizer Qualitätsmarken überzeugten mit einer ansehnlichen langfristigen Kursperformance. So schossen die Sika-Papiere in den vergangenen Jahren über 5300 Prozent in die Höhe. Und auch die zuletzt in ihrer Geduld strapazierten Aktionäre von Novartis gehören in dieser Betrachtung zu den Gewinnern: Der Pharmariese steht auf dem Bronzeplatz der erfolgreichsten Longterm-Investitionen. Die Berechnung der Novartis-Aktie basiert notabene auf der Performance von Sandoz vor der Fusion.

Analog beziehen sich die UBS-Zahlen vor der Fusion auf die Entwicklung der alten Bankgesellschaft. Offenbar ist es für die Grossbanken gar nicht so einfach, auch ihren Aktionären etwas zu bieten. Unser Überblick zeigt, dass UBS wie Credit Suisse – unabhängig von der jüngsten Finanz- und Abschreibungskrise – nur unterdurchschnittlich zulegten. Der Vergleich zeigt auch, dass Bankaktien viel zyklischer sind als die meisten Industrietitel. Allerdings heisst dies keineswegs, dass man mit Industrieaktien langfristig nur gewinnen konnte. So wurde die Geduld der Aktionäre von OC Oerlikon respektive Unaxis respektive Oerlikon Bührle arg auf die Probe gestellt. Nur dank dem Rally der jüngsten Zeit resultierte überhaupt eine positive Performance für die treusten der treuen Anleger.
3 von 35 langfristig kotierten Schweizer Firmen sind, ungeachtet aller Umwälzungen, immer noch deutlich tiefer bewertet als 1977. Den allergrössten Abschreiber bescherte dabei die Beteiligungsgesellschaft Airesis ihren Investoren. Trotz einem kleinen Revival in den vergangenen fünf Jahren resultierte ein Riesenminus von 86 Prozent. Mit anderen Worten: Von einer Hunderternote wären ganze 14 Franken übrig geblieben. Dies zeigt, dass man selbst mit einem Anlagehorizont von mehr als einer Generation nicht gegen Kursverluste bei Einzeltiteln gefeit ist. Auch Swisslog zum Beispiel notiert heute weniger als halb so hoch wie Ende 1977.
Von 100 in die Beteiligungsfirma Airesis investierten Franken sind nach 30 Jahren noch ganze 14 Franken übrig geblieben.
Mittlerweile gibt es für alle Investments sinnvolle passive Anlagen, die einen ganzen Aktienmarkt abdecken. Auf diese Weise verkleinert sich das Risiko einzelner Nieten automatisch, und bei vielen sogenannten Performance-Indizes wie etwa dem SPI werden die ausbezahlten Dividenden sofort reinvestiert. Dieser Zinseszinseffekt ist über längere Zeiträume besonders gross, und so hat sich ein breites Schweizer Aktienportfolio laut Zahlen der Bank Pictet in den vergangenen 30 Jahren von 100 auf 1880 Franken vermehrfacht. Allerdings existiert der SPI erst seit gut 20 Jahren – die Grafik zeigt den MSCI-Schweiz-Index, der keine Dividenden einrechnet. Auch wenn im Schnitt relativ wenig ausgeschüttet wird, decken die Auszahlungen zumeist die schleichenden Folgen der Inflation. Über einen solch langen Zeitraum darf nämlich die Geldentwertung auf keinen Fall vernachlässigt werden. So bleibt nach Abzug der aufgelaufenen Teuerung real «nur» noch eine Verneunfachung des Investments.
In der Jahresübersicht zeigen sich zudem die grossen Schwankungen, die es bei Schweizer Aktien in den vergangenen Jahren gab. Nach Abzug der Teuerung blieben für Obligationäre nur mehr magere Erträge übrig.
Die wenigsten mögen sich daran erinnern, doch in den Jahren 1979 bis 1982 lag die jährliche Teuerung in der Schweiz meist über fünf Prozent, und auch Ende der achtziger Jahre stiegen die Konsumentenpeise in ähnlich schneller Kadenz. Anders formuliert, verlor ganz sicher, wer sein Geld in bar hortete. Allein die Gesamtinflation der vergangenen 30 Jahre frass die Hälfte des Wertes weg. Von einer Hunderternote sind demnach real nur noch 51 Franken übrig geblieben – obwohl die durchschnittliche Teuerung von 2,3 Prozent jährlich auf den ersten Blick relativ harmlos wirkt. Etwas besser erging es all denjenigen, die auf das gute alte Sparkonto setzten. Laut Nationalbank-Statistik brachten die Sparkonten bei den Kantonalbanken im Schnitt der vergangenen 30 Jahre 2,66 Prozent Zins. Das ist nur wenig mehr, als die Teuerung beträgt, und so kommen zu unserer Hunderternote real ganze zehn Franken hinzu. Allerdings wiegen hier die nicht mitgerechneten Kosten noch schwerer. Vor allem in den vergangenen fünf Jahren lagen die Zinsen sogar unter der Teuerung, und so brachte konventionelles Sparen kurzfristig real einen Verlust.
Zum Glück gab es schon vor 30 Jahren Alternativen. An der Basler Börse (!) gab es eine ganze Palette ausländischer Aktien – Alcan, IBM usw. – direkt vor der Haustür zu kaufen, und mit Sony nahm im November 1977 sogar die erste japanische Aktie den Handel in der Schweiz auf. Allerdings brauchte es in dieser Zeit eine gehörige Portion Mut, in Dividendenpapiere zu investieren. Die Leitbörse in New York war zweimal hintereinander kräftig eingebrochen, und Japan galt damals als alleinige aufstrebende Wirtschaftsmacht. Innerhalb von einem Dutzend Jahren explodierte der Nikkei 225 als Massstab der japanischen Aktienbörse von 6000 auf 38 000 Punkte – um danach in einem einzigen Jahr wieder auf unter 24 000 Punkten zu fallen. Wer die ganze Achterbahnfahrt durchhielt, musste feststellen, dass Japan doch nicht so übermächtig war wie ursprünglich angenommen. Im Longterm-Vergleich jedenfalls haben sich Anlagen in japanischen Aktien kaum gelohnt. Sogar mit den so konservativen Schweizer Staatsanleihen verdiente der Anleger mehr, und dies bei deutlich weniger nervenaufreibender Berg-und-Tal-Fahrt.
Damals wie heute sinnvoll ist natürlich die langfristige Diversifikation. Ein internationales Depot mit 50 Prozent Aktien brachte laut einer Übersicht von Clariden Leu eine nominale Performance von mehr als 1100 Prozent seit November 1977. Longterm zu investieren, lohnt sich deshalb auch weiterhin.
Peter Gut: Der BILANZ-Karikaturist, der in jeder
Ausgabe zusticht. The Best of.
Wirtschaftsgeschichte: Die Highlights.
Der Test: Wie gut kennen Sie sich in Wirtschaft
und Management aus?
Walter Frey: Einer der ersten «Männer des Monats»
– das Exklusivinterview.
Unsere Reichsten: Erfahrungsbericht über
die Eitelkeit von Milliardären.
Visionen: 30-Jährige aus aller Welt über
ihr Einkommen und ihre Träume.
Top-Werber: Ihre liebste BILANZ-Story –
und das passende Cover.
Beat Curti: Wie der «BILANZ-Sauhund»
mit Kritik an seinem Magazin umging.
100 Franken: Das wäre daraus geworden,
wenn Sie richtig investiert hätten.
Sie können die Jubiläumsausgabe
im BILANZ-Shop nachbestellen:
Schreiben Sie sich Ihre Wünsche
oder Ihren Ärger von der Seele
und diskutieren Sie mit.
BILANZ, das renommierte Schweizer Wirtschaftsmagazin – umfassend, konsequent, kritisch: Mit fundierten Recherchen zum aktuellen Wirtschaftsgeschehen, nützlichen Anlagetipps, nachhaltigen Analysen, provokanten Interviews und exklusiven Luxusangeboten – eine unverzichtbare Informationsquelle. Alle 14 Tage neu.